


Idol
Martine
Andernach sucht den Dialog, die Verbindung zur uralten Geschichte der Festung
Ehrenbreitstein, angeregt durch die archäologische Sammlung des Landesmuseums.
Ihre Referenzwerke sind drei ca. 15.000 Jahre alte Frauenfiguren aus der Epoche
des Magdalénien (Ende der Steinzeit), die an Grabungsstellen in Gönnersdorf und
Andernach gefunden wurden. Die Künstlerin, deren skulpturales Werk aus der
klaren Reduktion menschlicher Gestalten und Körperfragmente auf einfache,
abstrahierte, fast geometrische Linien und Formen erwächst, war, ihrer eigenen
Aussage nach, ihr Leben lang von der suggestiven Gestik der Kunst der Urzeit
fasziniert.
Bei den sogenannten Venus-Figuren aus Gönnersdorf und Andernach ist die
Silhouette des menschlichen Körpers im Profil dargestellt. Sie sind unverziert,
haben einen stabförmigen Oberkörper, weder Kopf noch Füße, dafür aber ein stark
akzentuiertes, rundliches Gesäß. Dass es sich dabei überhaupt um Frauenfiguren
handelt, konnte erst durch den Vergleich mit anderen, ähnlichen Fundstücken
anderer Ausgrabungsorte bewiesen werden, von denen einige im Bereich des
Oberkörpers eine leichte Andeutung von Brüsten vorweisen. Die länglichen,
schlanken, mit wenigen Rundungen versehenen Frauendarstellungen unterscheiden
sich zudem sehr stark von den ausladenden, üppigen und ausgeprägt weiblichen
Formen anderer bekannterer urzeitlicher Frauendarstellungen, wie etwa der
berühmten „Venus von Willendorf“, die einer noch früheren Epoche der
Menschheitsgeschichte entstammt. In Bezug auf ihre Bestimmung als Kultobjekte
von weiblichen Fruchtbarkeitsgöttinnen besteht in der Forschung eine ausgiebige
Diskussion. Ihre nicht gänzlich bestimmbare Funktion animiert den Betrachter,
selbst verschiedene Szenarien und Vorstellungen anzustrengen, wobei die Ästhetik,
Denkweisen sowie die Gefühlswelt von Menschen aus längst vergangenen Zeiten
bereits an sich schon ein Faszinosum darstellen.
Idol heißt Martine Andernachs Werk –
vom Namen her zunächst ein Hinweis auf die Wesens- und Gestaltungsart der
urzeitlichen Figuren, auf die die Künstlerin Bezug nimmt. Die gänzlich in
ockergelb patinierte, emporgestreckte Cortenstahlplastik zeigt im oberen
Bereich eine geometrische, langgestreckte, durch weiche Bogenschwünge
anthropomorph anmutende Form, die über einen dünnen Stab mit dem sockelartigen
und zugleich tragenden Unterkörper verbunden ist. Dieser untere Bereich trägt,
schützt und isoliert zugleich die obere Partie, welche auf den ersten Blick als
das eigentliche, zentrale Objekt wahrgenommen wird. Die Zusammengehörigkeit
beider Bereiche, des oberen und des unteren, wird durch den dünnen mittigen
Stab markiert, der die obere Form zugleich im Gleichgewicht hält – ein
ausgesprochen wichtiger Bestandteil innerhalb der Gesamtkonstruktion der
Plastik, die dadurch leicht, fragil und zugleich beschwingt erscheint.
Martine
Andernachs Arbeiten, seien es Ganzkörperdarstellungen oder Fragmentpartien des
menschlichen Körpers wie Köpfe oder Torsi, weisen stets eine zunehmende
Radikalisierung der Flächenschnitte, charakterisiert durch die subtile Eleganz
des Linienschwungs und des Gesamtkörpervolumens, auf. Jedoch fehlen ihr nie
erzählerische Elemente sowie die Kontextualisierung in einem thematischen
Gesamtbereich. Ihr Idol gemahnt an Arbeiten wie den, „Vogel im Raum“ von
Constantin Brâncuşi oder an Naum Gabos motorgetriebene „Kinetische
Konstruktion“, die, in Bewegung gesetzt, die Entmaterialisierung des durch die
rotative Bewegung transparent erscheinenden Objekts nahelegt. Doch anders als
bei Brâncuşi und Gabo wird bei Andernach die plastische Form nicht aufgelöst,
sie droht nicht ihre Verbindung zum Sockel zu verlieren und ins Immaterielle zu
entschwinden, sondern sie wird festgehalten und getragen. Sie bleibt und lässt
sich allseitig betrachten. Ihre Verbindung zum Irdischen ist betont sichtbar,
dem Menschen nah, lässt sich bewundern und tritt in einen dauerhaften Dialog
mit dem Betrachter. Einem Idol aus Urzeiten ähnlich, vermag Andernachs Plastik
die Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Gottesbild aufzuzeigen, ein
Bindeglied zwischen Irdischem und Überirdischem, Materie und Geist, zwischen
dem schwierigen Prozess der handwerklichen Gestaltgebung und
künstlerisch-geistiger Formfindung.
[Autor:
Suzana Leu]
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Studie I-III |